Wir Kinder der Baltikumssiedlung Danzig-Praust
Meine Erinnerungen wie es damals bei uns in der Siedlung war und was wir so erlebten.
Angefangen in den Jahren des Schulbesuchs im Freistaat Danzig. Was hatten wir
doch zu Hause für ein herrliches Leben. Es heißt nicht umsonst die Kinder- und Jugendzeit
ist die schönste Zeit im Leben. Wenn ich jetzt so nachdenke, sie war es auch.
Wenn Mutter früh morgens an der Kette unsere Koß (Ziege) auf den Koßenberg
brachte und anpflockte (am Pfahl festmachen) damit sie fressen konnte. Mittags war
die Stelle schon kahl gefressen. Nach unserem täglichen Schulgang, den gemachten
Schulaufgaben auf der Schiefertafel und das Lernen aus der Fibel, gingen wir zum
Koßenberg um die Koß umzupflocken.
Die Gans, ein kleines Flüsschen in der Näbe hieß so, war auch mal unser Spielplatz. Es
wurden Dämme gebaut, das Wasser gestaut um paar Stuchels (Fische) oder Kaulquappen
zu fangen. Einmal hatte Bruder Hans eines großen Aal gefangen, der schnell zu
Mutter gebracht wurde.
Wenn's schön warm war durften wir Kinder in der Radaune zwischen Schleuse und
Steinbrücke baden gehen. Uns Jungs zog es manchmal die Gleise entlang. Die Strecke
Karthaus nach Gischkau, immer auf den Schwellen lang zum Baden. Das Wasser der
Radaune war hier besonders wild und voller Strudel.
An einer Stelle hatten Bauern einen Bohlenübergang gemacht um die Wiesen auf der
anderen Seite zu erreichen. Dort weideten die Kühe, die gemolken werden mussten.
Hier konnte man schön nackich baden, aber sehr gefährlich. Wir sprangen Kopfheister
vom Übergang gegen den Strom ins Wasser. Wir mussten aufpassen, dass uns die
Strömung nicht unter den Steg zog. Mein Bruder Hans wäre hier beinahe ertrunken.
Er konnte noch nicht gut schwimmen, nur so wie ein Hund. Er verpasste den Steg. Unsere
Spielkameraden Paulchen und Walter retteten ihn gerade noch. Sie legten ihn auf
die Seite. Er hatte schon eine Menge Wasser geschluckt. Nach einem Hustenanfall kam
das Wasser raus und er schlug die Augen wieder auf. Zu Hause wurde der Vorfall unseren
Eltern nicht erzählt.
Mit mehreren Kindern wurde auf einem alten Herrenfahrrad fahren gelernt. Ein Bein
durch den Rahmen aufs Pedal, das andere auf dieser Seite. Dann wurde angeschoben,
losgelassen und schon fuhr man. Zuerst noch paar mal gegen den Stackerenzaun und
auf die Fresse, dann klappte es aber bald.
Am Ackerrain saßen wir Kinder und schauten der Getreideernte zu. Der Anfang wurde
mit der Sense gemäht und dann kamen die Ableger (Mäher) zum Einsatz. Es waren
meistens acht bis zu zehn Mäher, immer hintereinander rund um. Die Felder der Güter
Bangschin, Rossoschin und Woyanov waren riesig. Circa dreißig Frauen vielleicht auch
mehr, haben das abgelegte, geschnittene Korn zusammengerafft. Von Hand zu Garben
gebunden und dann mit Männern zu Haufen aufgestellt. Wir sagten Hocken dazu.
Später hatten die Güter schon Selbstbinder, da brauchten die Garben nur noch gestellt
werden. Wir Kinder spielten abends gern in den Hocken Versteckspiel. Es fielen schon
mal welche dabei um. Wenn die Hocken trocken waren, wurde auf großen langen Leiterwagen
aufgeladen und eingefahren. Es wurde aber auch mit riesigen Drehmaschinen
von einer Dampfmaschine angetrieben, direkt auf dem Feld gedroschen.
Auf dem
Stoppeln oft barfuß, gings mit Muttern dann Ähren lesen. Das pikste vielleicht. Jeder
von uns Kindern hatte einen Beutel umhängen, der wurde voll gesammelt. Es war ein
Zubrot, wurde gemahlen und auch für die Hühner und Haustiere verfüttert.
Nun war auch Zeit zum Drachen steigen. Von Mutter wurde ein Fünfer oder Dittchen
(Goldstück) erbettelt für buntes Pergamentpapier zu kaufen um einen Drachen zu bauen.
Zeitungspapier hielt nicht lange. Etwas Mehl für Kleister wurde aus der Küche
gemopst.
Im Spätherbst bei der Kartoffelernte (Bulwenernte), es war schwere Arbeit. Mutter hat
auch schon mitgemacht um ein paar Gulden dazu zuverdienen. Vater verdiente nicht
viel. Mit der Hacke wurde jede Staude ausgemacht. Die Kartoffeln dann in Kiepen
(Weidenkörbe) eingesammelt. Männer leerten sie auf den Wagen. Für jede Kiepe, ein
Zentner, gabs eine Marke. Abends wurde danach abgerechnet. Nach der Ernte wurde
das Kartoffelstroh verbrannt. Wir Kinder rösteten uns die liegengebliebenen Kartoffeln
in der Glut.
Bei der Zuckerrübenernte wurden die Rüben in großen Kastenwagen mit sechs Pferden
davor, vom Feld gefahren. Auf der Chaussee (Straße) gings dann mit zwei Pferden
weiter zur Zuckerfabrik.
An der Bahnlinie, nahe unserer Siedlung, wurden auch Rüben in Waggons mit der
Gabel eingeladen. Wir Luntrusse (Bengels) hatten manchmal auch Unfug im Kopf,
ohne Überlegung. Die Schotten (Türen) der Waggons batten Überwurfriegel. Wir
klopften abends mit einem Stein den Riegel einwenig hoch. Als die Lokomotive die vollen
Waggons abholen kam, lösten sich die Riegel beim Aufprall gegen die Puffer. Die
Schotten flogen auf und ein Teil der Zuckerrüben lagen wieder auf der Rampe. Von
den Fuhrwerken fielen während der Fahrt mal welche runter, die wir Kinder aufsammelten.
Wenn keine runterfielen liefen wir hinter den Wagen um paar Rüben loszumachen.
Aber, O weh, wenn der Kutscher es merkte, gabs was mit der Peitsche. Zu
Hause wurden die Rüben zu Sirup verarbeitet, jeder auf seine Weise.
Die paar Dittchen und Gulden die, die armen Leute bei ihrer Arbeit verdienten, reichten
manchmal vorne und hinten nicht.
Im Dämpfer, ein Eisenfaß mit Feuerstelle und Rohr selbstgefertigt. Die Rüben wurden
darin gekocht, dann klein gemahlen und ausgepreßt zu Saft. Der Saft zu Sirup gekocht,
das roch und schmeckte gut. Wir Kinder durften den Kessel auskratzen und auslecken.
Manchmal gabs da auch Streit.
Nun zum Winter, was für ein Fest, wenn der selbst großgefütterte Kuschet (Schwein)
geschlachtet wurde. Ich sehe es noch auf der Leiter hängen. Die Verarbeitung wurde
auch mit Nachbarn gemacht. Viel Arbeit gabs, das Fleisch wurde zerlegt, geschnitten
und eingepökelt, Wurst gemacht, Schinken gewürzt und zum Räuchern fertig gemacht. In einer Holztonne dann Wurst und Schinken geräuchert, es hielt sich dann sehr lange.
Der Speck musste ausgelassen werden. Das Schmalz kam in Töpfe aus Steingut, dann konnte man es lange aufbewaren. Für uns Kinder in der Familie war Fettes alln zuwider. Keiner wollt was Fettes. Wir
mäkelten (meuterten) abends schon bei der Klietermus (Milchsuppe). Es bildete sich
eine Haut oben, die mochte keiner. Manchmal war die Milch von unserer Koß oder
vom Schoop (Schaf). Bratkartoffeln mit Prachersoß gabs hinterher. Mutter passte auf,
dass gegessen wurde.
Wenn's dann aber anfing zu frieren, das Teich und Fluss erstarrten, kam für uns Kinder wieder eine schöne Zeit.
Auf Schlorren (Holzpantoffeln), Schlittschuhe konnte sich nur wenige leisten, glitschten
wir über die überschwemmten, eingefrorenen Wiesen. Das erste Eis, wir nannten es
Biegeeis. Es war wunderbar, weil es sich wie Wellen bewegte wenn man es betrat. Es
wurde auch schon mal eingebrochen, da waren unsere Koddern (Klamotten) samt Sokken
dann nass. Forsch (schnell) gings nach Hause um sie zu trocknen. Es gab auch mal
von Mutter hinter die Ohren, sowie ein Hieb auf den Dups (Hintern). Schnell die Sokken
am Kanonenofen und Herd gehangen. Wenn sie trocken waren, gings wieder raus.
Ein Ereignis war, wenn Männer mit Sägen von der Brauerei kamen. Das dickgefrorene
Eis im Torfbruch wurde geschnitten, in Stangen auf Fuhrwerke geladen und zu den
Kühlkellern gefahren. Wenn die Männer abends weg waren, kam unsere Zeit. Bis es
duster (Dunkel) war, fuhren wir mit den losen Schollen über die Teiche. Eisschollenfahren nannten wir Kinder es.
Es kommt immer wieder Freude in einem auf, wenn man dran zurück denkt, wie schön
es doch war. Abends wenn es schon duster war, Häns und ich noch mal aufs Plumsklo
mussten hinterm Stall. Aus Angst hockten wir uns im Hof am Gartenzaun hin. Morgens wenn das Häufchen gefroren war, konnte man es wegtragen. Wie es anfing zu
schneien, manchmal tagelang und es noch stiemte (wehte) war unsere Siedlung total
abgeschnitten. 1 bis 2 Meter hoch lag mal der Schnee. Wir Kinder mussten uns dann
selber einen Gang frei schippen. Wir mussten ja zur Schule. Es pustete auch ein usliger
Wind, wie man so sagte.
Auf der Dirschauer Chaussee fuhr der große Schneepfug von paar Pferden gezogen.
Sie hatten Mühe durchzukommen. Ab und zu kamen die Bocherts (Herrschaften vom
Gut) mit ihren Pferdeschlitten und Glockengeläut. Sie glitten dahin wie im Wintermärchen.
Rodelschlittenschlangen gabs, hintereinander gebundene Schlitten
von einem Pferd gezogen gings durch die Winterlandschaft.
Bei uns gings nach der Schule mit dem Schlitten zum Bahndammwall.
Es war stellenweise acht Meter hoch. In der Schräge dann hatten
wir eine Abfahrt von ungefähr zwanzig Meter. Unten angekommen, mussten wir dann wieder rauf.
Skier haben wir uns in Eigenbau hergestellt. Bei unserem Krämer (Kaufmann) im Ort,
bei dem gabs ja alles, sogar Heringe in der Tonne. So eine leere Tonne haben wir Jungens
uns gekauft. Von den einzelnen Tonnenbrettern (Dauben) bekam dann jeder zwei
Stück. Am Ende wurden paar Gurte vom alten Fahrradmantel geschnitten, festgenagelt
wo die Füße rein kamen. Noch paar Stöcke von Weide oder Haselnuss geschnitten
und schon gings los zum Bahndamm. Kleine Sprungschanzen wurden auch errichtet,
da kam richtig Freude auf.
Mein Bruder und ich sind einmal in der Woche zum Kommunionunterricht zur Bahnhofstraße
in die kleine Maria-Hilf Pfarrkirche (erbaut 1925) gegangen. Unser Pfarrer
hieß Kuschitzka oder ähnlich. Er war ein witziger Pfarrer. Wir haben viel Spaß gehabt.
Bei schönem Wetter hielt er den Unterricht draußen im Kirchgarten ab. Einmal
haben wir einen Ausflug nach Müblbanz gemacht. Wir sind auf den Kirchturm gestiegen
und konnten weit ins Land gucken. Es war eine uralte Kirche. Im Kellergewölbe
sollen früher Mumien beigesetzt worden sein. Im Winter auf unserem Heimweg vom
Unterricht sind wir einmal noch forsch an der Radaunebrücke aufs Eis gegangen und
prompt beide eingebrochen. Es hielt noch nicht, die Radaune war hier nur knapp 1 m
tief. Somit baben wir nur nasse Beine und Koddern bekommen. Zu Hause aber gabs
von Mutter eine Gardinenpredigt.
Vater hat in der Freistaatszeit auf der Zuckerfabrik als Saisonarbeiter während der
Rübenckompanie gearbeitet. Er hatte ein altes Fahrrad, vorne mit der Karbidlampe.
Wir haben mit dem Hammer Stücke Karbid klein gekloppt. Sie kamen in die Lampe,
etwas Wasser vom Tank aufgedreht und es entstand Gas. Die angezündete Lampe zeigte
unserem Vater abends den Weg nach Hause. Wenn er zu Hause war, wurde seine
Brottasche nachgeguckt ob noch ein Stück Hasenbrot drin war. Es war ausgetrocknet
und krumm wie eine Schuhsohle, schmeckte uns aber vorzüglich.
Hinter unserem Haus hatten wir eine Krupkaul. Eine im Erdreich ausgebauter, Art
Keller mit Decke. Er diente zur Frischhaltung von Kartoffeln, Rüben und Gemüse.
Später im Krieg mit dicken Bahnschwellen verstärkt diente er uns als Luftschutzkeller.
Der aber Gott sei Dank nicht viel benutzt wurde. Erst später als die Front näher kam.
Wir Kinder haben auch oft der Mutter helfen müssen, wenn's zur Wäschemangel ging.
Die Wäsche wurde im Handwagen hingefahren. Die Mangel das war vielleicht ein Unikum. Mutter wickelte die Wäsche auf Holzrollen. Sie kamen unter den Kasten der mit
Steinen beschwert war. Wir Kinder drehten die Kurbel damit der Kasten hin und her
fuhr. Durch die Last des Kastens auf den Rollen wurde die Wäsche dann glatt.
Der Milchmann und der Bäckerwagen kamen jede Woche in unsere Siedlung. Mit der
Kanne wurde Milch geholt. Vom Bäcker gabs schon mal einen Amerikaner (Kuchen)
zum Brot dazu, der wurde dann unter den Geschwistern geteilt.
Wir Bengel spielten auch Krieg gegen die Jungs vom Ort. Die Hosentaschen voll mit
Steinen gestopft gings hintern Damm, nahe der Zement Fabrik, gegen die anderen
Mannschaft. Nach Ende der Schlacht gings nach Hause mit manchen Blessuren, die
erst mal verpflästert und verbunden wurden. Manchmal tats auch weh.
Die Eisenbahn im Freistaat, die in Richtung Karthaus nach Polen (Korridor) fuhr,
unterlag der polnischen Bahn. PKP stand auf den Waggons und Lokomotive.
Wenn bei der Trockenheit mal Brände vön der Asche der Lok am Bahndamm entstanden,
wurden sie von uns Jungs auf den ganzen Damm gepesert ausgeweitet.
Als wir dann abends nach Hause kamen gab es erst mal eine Abreibung. Wir rochen
furchtbar nach Rauch und Qualm.
Auf dem Gleiskörper standen Telegraphenmaste. Die weißen Puppen an denen die Leitungen
befestigt waren, zogen uns immer an. Mit selbstgefertigten Katapults wurden
die Puppen mit Steinen kaputtgeschossen. Es war natürlich grober Unfug. Sie mussten
ja wieder erneuert werden und wir guckten dabei sogar noch zu. Wenn dann unser
Schienchen (Gendarm) in der Siedlung auftauchte, dann hatte er vorne seinen Säbel
am Fahrrad eingeklemmt. Am Schako (Helm) das Danziger Wappen mit den zwei Löwen
dran. Es flößte uns schon einen gewaltigen Respekt ein. Wir mit unseren Schnoddernasen
standen dann da. Jungens kommt mal her, sagte er. Wir Lorbasse waren uns
schon einig, wir waren's nicht, auch nichts gesehen, gepetzt wurde nicht.
Im Sommer 1939 fuhr Mutter mit drei Kindern nach Marienburg zum Einkaufen. Von
Praust gings über Dirschau (Polen) nach dort hin, dass zu Ostpreußen zum Reich gehörte.
In Dirschau patrouillierten auf den Bahnsteigen polnische Viereckige oder Vierkantige.
So nannten wir sie (Soldaten mit 4 eckigen Mützen) mit aufgepflanzten Bajonetten.
Wir durften schon nicht mehr aus den Fenstern sehen. Sie waren mit Vorhängen
zugezogen. Mutter kaufte vor allem Kinderwäsche. Ob es günstiger als in Danzig
war, ich weis es nicht mehr. Vielleicht war der Gulden mehr wert. Auf der Toilette
haben wir Kinder uns mehrere Sachen übereinander angezogen, um dem Zoll ein
Schnippchen zu schlagen.
Wenn im Herbst die Äpfel reif waren, lachten sie uns aus Nachbars Garten an. Er gehörte dem pensionierten Förster und Jäger. Er wohnte alleine im Haus, alles war offen.
Zwei große Hunde sollten das Anwesen bewachen. Wir Luntrusse (Bengels) wollten
paar Äpfel haben. Mit Knochen wurden die Hunde abgelenkt und schwups gings
über den Zaun. Die Hose am Bauch zugeschnürt. Im Hemd von oben wurden die Äpfel
reingepflückt.
Wir waren auch mal im Haus. Der Waffenschrank war offen und wir holten eine zweiläufige
Flinte und Tesching raus. Geladen haben wir älteren Juugs und dann wurde
auch geballert.
Wenn es mal in der Siedlung hieß, die Zigeuner kommen, da war de Diewel los. Die
Mütter riefen ihre Kinder zusammen, die Wäsche kam von der Leine, alles wurde weggeräumt
und versteckt, sonst wäre alles was nicbt niet und nagelfest war weg.
Wenn es mal die Radaune lang nach St. Albrecht zu Tante Mariechen ging, zum Kämnadergang
hoch, war unsere Freude groß. Sie hatte einen großen Kirschgarten. In der
Reifezeit haben wir mit Klappern und Bimmeln die Stare und Spatzen vertrieben, die
zu hunderten sich an den Kirschen ergötzten. Zuerst aber wurde sich der Bauch voll
gemacht, bis es einem schlecht war.
Wir waren zusammen fünf Kinder. Ein Bruder kam noch 1944 dazu. Unser Vetter aus
Ohra lud uns mal zur Flobkiste (Kino) ein. Sie zeigten damals die schönen Stummfilme
von Pat und Patachon.
Mit zwei Geschwistern gings über St. Albrecht die Radaune lang, über 3 Schweinsköpfe,
Scharfenort, Guteherberge nach Ohra. Es war immer ein Erlebnis wenn wir dort
waren. Am 12. Juli 1942 dann, nach nahe zu drei Jahren Ruhe, der erste englische Fliegerangriff
auf Danzig. Ein Flugzeug ist bei Borgfeld auf einen Acker runter und es
bohrte sich tief ein. Wir Jugendlichen neugierig, sind hin gelaufen, um zu sehen was los
war. Es sah furchtbar aus. Der Pilot soll noch drin gesessen haben.
Auf unserem Hof gabs einen Ziehbrunnen. Es gab immer sauberes gesundes Wasser,
dass direkt aus dem Eimer getrunken wurde und wir sind nicht krank geworden.
Einmal, wir Kinder waren oben am Wehr von der Gans (Fluss) nach Russoschin zur
Feldscheune hin. Das Getreide stand schon hoch in den Ähren und wir spielten dann
nachlaufen. Da kam ganz plötzlich eine Windhose oder Tornado angesaußt. Wir sahen,
wie er immer näher kam und wir liefen was die Füße hergaben. Wir hatten Angst, er
könnte uns noch erreichen. Im Getreidefeld war danach ein großer Streifen leergefegt.
Wenn im Frühjahr an der Ente (kleiner Bach) auf der Wiese die Kiebitze auf ihren
Eiern im Nest saßen, stibitzten wir welche. Sie schmeckten genau wie Hühnereier. Sie
waren olivbraun und schwarz gefleckt.
Als wir noch kleine Kinder waren, ich erinnere mich noch sehr genau, kamen schwarz
gekleidete Männer ohne Beine. Auf dem Boden sitzend, mit den Händen sich fortbewegend.
Manche auch auf Brettern mit Rädchen darunter fahrend. Sie kamen um Almosen
fragen. Manchmal bekamen sie auch eine Suppe. Wir Kinder, mein Gott, hatten
schreckliche Angst. Wir konnten ja nicht wissen, wer sie waren. Wo kamen sie her?
Man hat uns erzählt es sind Kriegsinvaliden aus dem 1. Weltkrieg, sowie auch andere,
die wenig oder keine Rente bekamen. Jetzt gingen sie betteln um zu überleben.
Mir fällt noch was ein: Vater hat in Hochzeit (Ort in der Niederung) ein dunkelbraunes
Schaf mit Lamm gekauft. Mein Bruder und ich mussten es holen. Wir zogen mit unseren Handwagen den Bahndamm lang zum Bahnhof, dann über die Gleise Richtung Müggenhahl, die Brücke über die Lake und Mottlau nach Nassenhuben und Hochzeit. Es waren ca. 8 - 10 km. Aber eine Prozedur bei der Rückreise. Das Lamm kam im
Handwagen, das Mutterscboop hinten angebunden und wir beide haben es gezogen.
Das Lamm wollte immer raus zur Mutter. Das Mutterschoop hatte wegen des Euters Probleme beim Laufen. So ging es nur langsam voran. Mein Bruder meinte, wir sollten
das Lamm mal trinken lassen, vielleicht hat es Durst. Es wurde gemacht, aus dem Wagen raus und wieder rein. Das Lamm war zu Hause der Liebling meiner kleinen
Schwestern. Später, O weh, eines morgens war der Liebling weg. Sie suchten überall.
Onkel Jahn aus Ohra hatte ein Fuhrgeschäft. Er musste für die Wehrmacht Nachschub
zur Ostfront bringen. Bei seiner Rücktour abends, kam er spät bei uns an um das
Lamm zu schlachten. Mutter hatte sicher mit ihm schon gesprochen. Vater war ja nicht
da. Er war in Frankreich bei der Marine. Ein Teil Fleisch hat der Onkel genommen, denn er hatte 10 Mäuler zu stopfen. Der andere Teil hing schon oben auf unserem Boden.
In den Kriegsjahren sind wir auch mal nach Gut Lagschau über Kladau, Tampken
hingemacht. Tante Josefa wohnte mit ihren Kindern da. Sie arbeiteten als Instleute, so
sagte man und bekamen Deputate (Bezahlung in Naturalien). Da fiel mal was Korn für
unsere Hühner ab.
Am 1. April 1944 ging ich zur Schichau-Werft in Danzig in die Lehre. Täglich fuhren
Freund Horst Wohlfahrt und ich im Vorortzug zum Hauptbahnhof. Dann zu Fuß zum
Nebentor zu Schichaugasse zu unserer Lehrstelle.
Jetzt eine Episode wie aus dem Klassiker mit Rühmann (Lehrer Pfeiffer mit 3 f). In der Woche gings unweit der großen Mühle zur Berufsschule. Wir hatten auch eine
Marjell in unserer Klasse. Der Lehrer hatte mal Konferenz. Um 12 Uhr haben die
Marjell und wir seine Taschenuhr, die auf dem Pult lag, um 1 Stunde vorgestellt. Der
Lehrer kam von der Konferenz zurück, sah auf seine Uhr und sagte - schon so spät -,
wir machen Schluss. Er steckte seine Uhr in die Westentasche und ging auch Richtung
Bahnhof. Wir schlichen hinterher. Er guckte auf die Bahnhofsuhr und dann auf seine.
Die ging ja eine Stunde vor und ihm ging ein Licht auf. Beim nächsten Unterricht war
de Diewel los. Unser Klassensprecher wollte petzen. Wir drohten ihm mit einer Tracht
Prügel. Am Nachmittag mussten wir zur Strafe nachsitzen, aber raus bekam der Lehrer es nicht. Ja. solche Fiesematenten (Unsinn) haben wir gemacht.
Wir kamen nach der Vertreibung 1947 nach Thüringen. Mutter hatte sich kleine
Gänse angeschafft. Unser kleiner Bruder Klaus musste die Gänse hüten. Das
Wasser hat er immer mitgenommen.
Nur noch wenige, die damals die Kindheit und Jugendzeit zu Hause im Freistaat
Danzig erlebt haben, können es wiedergeben. Sie sind nicht mehr am Leben.
Solange ich lebe. werde ich niemals vergessen, wie es einmal zu Hause war. Unsere Eltern waren arme Leute. Konnten nicht aus dem Vollen nehmen. Wir
mussten uns mit einem Dittchen begnügen.
Trotzdem. wir waren glückliche Kinder.
NECTEMERE NECTIMIDE
weder unbesonnen noch furchtsam
NEMINENTIME, NEMINEN LAEDE
niemanden fürchten. niemanden verletzen
Quelle:
Heinz Grabert (ehem. Grabowski), ehemals Baltikumssiedlung |