Hier erzählt Magda Bils-Trojahn was sie erlebte und fühlte als der 2. Weltkrieg begann. Auszug aus ihrem Buch “Bei uns zu Hause“
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Ich wurde siebzehn, als der 2. Weltkrieg ausbrach, er hatte sich langsam angekündigt. Da passierten so seltsame Dinge um uns herum. Die Blätter an den Kirschbäumen waren von wurmähnlichen braunen Linien durchzogen, ungewöhnliche Zeichen am Himmel wollten einige Leute gesehen haben. Das Nordlicht, das nicht nur den Himmel sondern alles um uns herum in tiefes violett tauchte - sogar unser Hund hatte ein lila Fell - machte uns bestürzt und ängstlich. Das bedeutet Krieg, unkte man. Umherfahrende Zigeuner prophezeiten ebenfalls Unglück. Aus dem Radio hörten wir von Gräueltaten, die die Polen an Deutschen verübt haben sollen, Kinder waren schlimmsten Folterungen ausgesetzt. Das war entsetzlich, unglaubhaft und musste aufs schlimmste verurteilt werden. Daß die Bevölkerung Propagandamärchen aufgesessen war, wurde uns erst später bewusst erzählt.
Kaum hatte mein Bruder Walter seine Lehrzeit beendet, wurde er zur Wehrmacht einberufen und in einem Spähtrupp eingesetzt. Ende August 1939 - also noch vor Kriegsbeginn – stand er mit seinen Kameraden in Zoppot auf Posten. In den nahegelegenen Wäldern seien polnische Spione – als Pilzsammlerinnen verkleidet – entdeckt worden.
Um diese Zeit schreckte uns nachts ein eigenartiges, unbekanntes Grollen aus dem Schlaf. Das Ras-seln und Rummeln erschütterte etliche Gegenstände im Haus. Wir schlichen ans Fenster und er-kannten trotz Dunkelheit riesige, schwarze Ungetüme, die durch die Werderstraße fuhren. Es waren die ersten Panzer und Kettenfahrzeuge, die wir sahen. Sie bewegten sich in Richtung ‚Danziger Niederung’. Dahinter lag Polen.
In dieser Zeit konnten wir in dicken Schlagzeilen lesen: „Das Marine-Schulschiff ‚Schleswig-Holstein’ besucht die Stadt Danzig. Nur wenige Tage später ging das Panzerschiff im Hafen von Danzig- Neufahrwasser vor Anker, zufällig gegenüber der Westerplatte.
Am 1. September 1939 hörten wir früh morgens erregte Stimmen rufen: „Es ist Krieg, Krieg!“ Aus der Ferne ertönten dumpfe Geräusche. Die ersten Schüsse fielen. In der Luft lag ein schwefeliger Geruch. Die ersten Schüsse waren gefallen. Die ‚Schleswig-Holstein’ beschoß mit Kanonen und Gewehrfeuer die polnischen Soldaten, die sich auf der Westerplatte verschanzt hatten. Zwei Tage später unterstützte die Luftwaffe mit ihren Stukas ( Sturzkampfbomber) die Marine. Ich lief damals ins Dorf, um mich zu vergewissern. Auf riesigen Plakaten stand groß und deutlich: Seit 5 Uhr 45 wird zurück geschossen“. Ich muß ein Dummchen gewesen sein, dass ich mich staunend fragte, wie die die Dinger so schnell drucken konnten.
In vielen Geschichtsbüchern ist nachzulesen, was dieser Krieg bedeutete, wieviel Leid er den Menschen in aller Welt gebracht hat. Ich kann allerdings nur erzählen, wie es mir und meinen Angehörigen erging.
In den nächsten Tagen nahm ich wahr, was ich nicht glauben wollte. Der Hof der Volkschule in Praust wurde gefegt und geharkt, die Fenster geputzt. In erster Linie waren es Polen oder Leute, die der polnischen Minderheit angehörten, die diese Arbeiten streng bewacht verrichten mussten. Einige fegten und harkten den Hof mit Harken und Besen, die keinen Stiel hatten. Einige Männer kannten wir. Darunter war auch Annchens Vater und dessen Sohn. Die Männer wurden geschlagen und getreten, wenn sie mal für einen Augenblick sich reckten, kurz Luft holen wollten. Es war die reinste Schikane, denn die Männer mussten immer wieder von vorn anfangen, um die vom Wachpersonal hinterlassenen Spuren zu beseitigen. Annchen hat ihren Vater, auch ihren Bruder nie wiedergesehen.
Die Schulzeit war für mich noch nicht vorbei, in der Stadt wimmelte es von Matrosen. Aus ganz Deutschland kamen sie, sprachen andere Dialekte. Das war aufregend. Sonst passierte nichts bei uns, die Front war weit weg. Die Zeitungen berichteten von Siegeszügen des Deutschen Heeres in Polen, die ersten schwarzumrandeten Annoncen traten auf. Wir machten uns Sorgen um Walter, der jetzt irgendwo in Polen an der vordersten Front stand.
Als die ersten Lebensmittelkarten eingeführt wurden, erhielten wir in Danzig immer noch etwas mehr Zuteilung als die Bevölkerung im Reich, Kaffee zum Beispiel. Zum Teil waren wir Selbstverbraucher,
d.h. wir aßen, was wir selbst anbauten und ernteten. Wir hatten ein Schwein und eine Ziege im Stall, Hühner, Gänse, Enten und auch Kaninchen. Die Gemeinde sandte Prüfer in die Häuser, alles Viehzeug wurde gezählt. Ja, Viehzählung nannte man das. Wir hatte also Schinken, Wurst, Pökelfleisch, Speck und Schmalz. Die vom Vater geliebte Rindfleischsuppe, die Mutter fast jeden Sonntag kochen musste, verschwand (endlich) vom Speiseplan. Wir vom Lande kamen gut durch den Winter.
Jetzt fuhren die schweren Kriegsfahrzeuge auch tagsüber bei uns vorbei in Richtung Polen. Alle Einwohner waren aufgefordert worden, die Soldaten mit Blumen, Zigaretten und Süßigkeiten zu begrüßen. Das taten wir gern, denn wir wussten wohin der Weg sie führte.
Soldaten aller Waffengattungen bevölkerten Danzig. Aus den Radios (Volksempfängern) und öffentlichen Lautsprechern ertönte Marschmusik, immer wieder von Siegesmeldungen unterbrochen. Die Stadt war laut geworden. In Reih’ und Glied’ marschierten die Soldaten endlos durch die Gassen. Vom Straßenrand aus umarmten Frauen und junge Mädchen jubelnd die Sieger.
Polen war nach knapp 4 Wochen besiegt. Deutsche Truppen führten Blitzkriege gegen fast alle Länder, die ans Deutsche Reich grenzten. England wurde bombardiert. „Bomben, Bomben auf Engeland“ war fast ein Gassenhauer.
Das alles spielte sich in den Jahren von 1939 bis ins Jahr 1943 ab. Die Zeit war so turbulent, so schnelllebig, dass ich nicht mehr weiß, wann die ersten Bomber über uns hinwegflogen. Dieses Geräusch der ’Viermotorigen,’ dieses unverkennbare Brummen in der Nacht machte uns Angst. Trotz vorhergehendem Fliegeralarm standen wir auf dem Hof, lauschten nach oben und bekamen Durchfall. Werden sie schmeißen? Wohin fliegen sie? Bange Fragen. Die Flak (Flugabwehrkanone) schoß, wir sahen die Blitze, doch die Amis (oder waren’s die Thommys) flogen sehr hoch. Später hätten uns Granatsplitter beinahe getroffen, sie zischten hörbar um unsere Ohren. Österreichische Soldaten, die uns beschützen wollten, sprangen erschreckt in den Straßengraben. Die ’Feinde’ verschonten Danzig.
Unten auf der Erde ging das Leben weiter. Wir Jugendliche kannten kein Vergnügen, öffentliches Tanzen war verboten. Einen Manöverball gab’s doch in Praust, die Soldaten sollten aufgemuntert werden. Für wenige Stunden vergessen was hinter ihnen lag, nicht daran denken was auf sie noch zukommen könnte.
Inzwischen waren auch unsere Spielgefährten an der Front. Benno, ein so aufgeweckter, lustiger Bursche, kam aus Russland auf Urlaub. Wir waren so fröhlich. Acht Tage später lebte er nicht mehr. ’Gefallen für Führer, Volk und Vaterland’. Diesen Satz musste jeder akzeptieren, der eine Todesanzeige aufgab. Die Zeitungen waren voll davon, es tat weh, die Namen von denen zu lesen, die wir kannten.
Wir lernten Soldaten kennen, es blieb gar nicht aus, dass junge Mädchen angesprochen wurden. Sie kamen aus ganz Deutschland. Mich faszinierten die verschiedenen Dialekte. Aus manchem netten Beisammensein ergaben sich Brieffreundschaften. Ich schrieb an zwölf Soldaten, die in Russland waren. Man konnte es Betreuung nennen. Zweimal erhielt ich meinen Brief zurück mit dem Vermerk, Gefallen. Niemand wusste, wohin die Reise ging. Ein Schlager, der in der Zeit oft gesungen wurde, war typisch für die Zeit.
Liebling, was wird nun aus uns beiden
darf ich glücklich oder traurig sein
werden sich uns’re Wege scheiden
oder geh’n wir ins Land der Liebe ein?
Ich muß vor Sehnsucht nach dir leiden
Das ist zwar traurig aber wahr
Liebling, was wird nun aus uns beiden
Wenn’s nach mir ging ein verliebtes Paar.
Gewiß, es ist eine richtige Schnulze gewesen, der Unterton doch unverkennbar.
Ja, der Krieg verursachte schon Probleme. An meinem Arbeitsplatz, dem Postscheckamt in Danzig, wurde es leiser. Wir scheuten uns, Kolleginnen anzusprechen, die traurig waren oder gar weinten. Wir ahnten den Grund, sicher war der Vater, Bruder oder ein anderer naher Verwandter gefallen oder vermißt. Mitunter wagten einige die Frage: “Wie soll das noch weitergehen?“
Überall starrten uns riesige Plakate und Spruchbänder an, die die Bevölkerung zur Treue, zum Glauben, zu gerechten Kampf gegen die Feinde aufforderten. Ich habe die Parolen vergessen, nicht aber die gestanzte Schrift: ’Gott mit uns.’
1943 begann die Niederwerfung Deutschlands. Russland – von den Amerikanern ausreichend mit neuen Waffen versorgt – schlug zurück, die Deutsche Wehrmacht verteidigte sich nur noch. Die Siegesmeldungen klangen anders. Es hieß nicht mehr ’erobert’, sondern Stellungen zurückerobert oder gehalten.
Die USA war zwar schon 1941 in den Krieg eingetreten, aber erst jetzt wurden die deutschen Industriegebiete von den Alliierten aus der Luft angegriffen, deutsche Großstädte bombardiert. Es waren schlechte Nachrichten. So verlor Hamburg in einer Nacht 43.000 Einwohner, meist Frauen, Kinder und alte Menschen. Das war schon Mord! Ich rechnete es damals so um: Wenn in eine Schule 350 Personen hineinpassen, wie viel besetzte Schulen waren den Angriffen der ’feindlichen Terrorbomber’ (so die Meldungen im Radio) zum Opfer gefallen? Das Ergebnis war erschütternd. Viele ’Ausgebomte’ aus Berlin, Hamburg und anderen Großstädten wurden in unsere Gegend umquartiert. Es gab bei uns auch oft Fliegeralarm, aber immer noch flogen die Flugzeuge über uns hinweg. Eine einzelne britische Maschine sah ich dicht über mir, fast streifte sie die Dächer der Häuser. Wenige Sekunden danach wurde sie abgeschossen. Einige Dorfbewohner radelten zu der Absturzstelle. Der Pilot soll schwer verletzt geborgen worden sein.
Aus dem Radio klangen weiter Durchhalteparolen, die Wehrmacht siegte immer noch. Und als Goebbels in einer seinen vielen Reden – sie wurden im Funk gesendet und mussten gehört werden – rief: „Wollt’ ihr den totalen Krieg? schrieen Tausende, die sich um ihn versammelt hatten, begeistert „Jaaaaa - Heil, heil, heil mein Führer!“ Wir sahen es im Kino in der Wochenschau.
Zum totalen Krieg gehörte auch, dass Mutter in eine Fabrik verpflichtet wurde, um dort Fallschirme zu nähen. Mit Erfolg protestierten wir: “Unserer Mutter wurde das Mutterkreuz in Gold verliehen, diese zugeteilte Arbeit ist doch sicher ein Irrtum?!“ (Es gab dieses Mutterkreuz in Bronze, Silber und Gold. Mütter die mehr als 6 Kinder lebend zur Welt brachten, erhielten die Auszeichnung in Gold.) Unsere Mutter hat diesen Orden nie getragen!
Alles während der sechs Jahre Krieg Erlebtes, Gesehenes, Gehörtes zu Papier zu bringen ist nicht möglich. Vieles mag noch tief vergraben sein.
Die letzten Tage in Praust
Die Auswirkungen des 2. Weltkrieges trafen uns - teilweise persönlich - mit aller Härte von Ende 1944 bis März 1945.
Während meines Pflichtjahres hatte ich auf dem Bauernhof zwei englische Kriegsgefangene kennengelernt. Niemand durfte mit ihnen sprechen. Verboten. Doch wer sah das schon. Ulkig war, dass die beiden sich nicht miteinander verständigen konnten, denn der eine kam aus dem Norden, der andere aus dem Süden Englands. Es gelang mir mit meinem Schulenglisch, die beiden sprachlich näherzubringen. Sie sahen gut ernährt aus, genauso wie die französischen Gefangenen, die auf unserer Dienststelle die Rechenmaschinen warteten. Die russischen Gefangenen dagegen sahen erbärmlich aus. Sie taten uns leid. Wir gingen - trotz einer drohenden Strafe - wie rein zufällig an ihnen vorbei und legten Brotscheiben und Pellkartoffeln in ihrer Nähe ab. Diesen tierischen Kampf unter den abgemagerten Männern möchte ich nicht näher beschreiben.
An einem kleinen Abhang an der Bahnhofstraße lag ein toter Russe. Er hielt seinen Essnapf völlig verkrampft in seinen Händen. Verhungert, erfroren.
Ich saß in unserem Wohnzimmer und las, als ich Geräusche in der Wohnung hörte. „Bist du das?“ rief ich, ich glaubte, glaubte eine meiner Schwestern wäre gekommen. Als ich keine Antwort erhielt verließ ich das Zimmer. Vor mir im Flur stand tiefgebeugt, die Hände zum Gebet gefaltet , dann einen Finger auf die Lippen legend. Sein Kopf war kahlgeschoren. Im Raum stand Gefahr, für ihn und für mich. Er reagierte nicht auf meine Frage ob es was zu trinken haben möchte, vielmehr deutete seine Geste mir an, daß er Schutz suchte. Ich deutete aufs Wohnzimmer, wo er sich hinter der Tür versteckte. Auf dem Rücken seiner blauen Kleidung entdeckte ich ein großes, rotes, gemaltes Kreuz. Es vergingen keine 2 Minuten, als polternd so ein Aufseher die Wohnung betrat. „Ist hier jemand 'reingekommen“? fragte er mich. „Nicht, daß ich wüßte, nein“ antwortete ich. Er durchstiefelte die Zimmer, fand den Mann und jagte ihn mit Kolbenschlägen aus dem Haus. Es wäre ein französischer Jude gewesen, erfuhr ich später.
Die schwer an Asthma leidende Frau Horn, die über uns mit ihrem Mann und zwei Mädchen zur Miete wohnte, war in den Keller gegangen, um Kartoffeln zu holen. In der Kiste hatte sich ein Mensch versteckt. Ob die Frau vor Angst und Schrecken um Hilfe rief, oder diesen Gefangenen verraten hat, weiß ich nicht. Der Franzose flüchtete zu uns, für ihn der nächste Weg.
Ich sah viele Juden bei uns vorbeiziehen. Es waren junge Menschen und Kinder. Vater muß wohl im Garten gewesen sein, als sich ihm bittende Hände entgegenstreckten. Er kam in die Küche gelaufen und griff sich die vom Mittagessen übrig gebliebenen Salzkartoffeln. Es tat mir weh, Vater daran hindern zu müssen, zu helfen. „Ich würde es auch gern tun, Vater, aber die Gefahr denunziert zu werden, ist zu groß“. Mit Tränen in den Augen standen wir am Fenster, uns unserer Ohnmacht bewußt. Die junge Frau hat sich noch einige Male umgeschaut.
Nach und nach erst wurde bekannt, daß das diese Gefangenen aus dem Konzentrationslager Stutthof kamen, ca 60 km von uns entfernt. Den Ortsnamen kannte ich nur als Poststempel. Diese jungen Menschen waren erschöpft, aber lebten. Ich hoffe, sie haben überlebt.
Die ersten Flüchtlingstrecks aus Ostpreußen zogen mit ihren 'Panjewagen' durch unsere Werderstraße. Es war bitterkalt. Das Thermometer zeigte minus 28 Grad an. Ein Jahrhundertwetter.
Mitunter hielten einige Wagen an, und Hilfesuchende klopften an unsere Tür. Eine junge Mutter bat uns, ein Milchfläschchen für ihr Baby anwärmen zu dürfen, doch als sie es füttern wollte, war das Kind tot, vielleicht erfroren. Eine andere Mutter bat uns um Hilfe, weil ihr Pferd total erschöpft sei. Vater machte aus dem Schweinestall einen Pferdestall, indem er sämtliche Streben und andere im Wege stehenden Hölzer mit einer Axt zertrümmerte. Nun hatte das Pferd Platz genug, um sich zu erholen und zu fressen. Die Mutter hatte nicht gesehen, daß ihr neunjähriger Sohn, der das Pferd gelenkt hatte, erfrorene Hände hatte. Sie waren blauschwarz, als die Handschuhe ausgezogen wurden. Der Junge hat es nicht gespürt. Wir weinten mit den Müttern, helfen konnten wir nicht. Zu spät.
Diese Flüchtlinge, die ihr 'Hab und Gut' auf die mit Planen bespannten Pferdewagen aufgeladen hatten, trennten sich immer mehr von ihren Sachen. Im Straßengraben lagen zuhauf Nähmaschinen, Radios, Möbelstücke und viele lebensnotwendige Gegenstände. Die Pferde hatten keine Kraft mehr.
Den Fußboden unseres Wohnzimmers belegten wir mir Heu und Stroh, um wenigstens für eine Nacht den Menschen Schlaf und Ruhe zu bieten. Wir erlebten auch, daß sich die Jüngeren absetzten und alte Menschen - auch ihre Eltern - zurückließen. Dieses Nichtverstehen in den Augen der hilfsbedürftigen Leute erschütterte mich zutiefst. Helfen konnten wir nicht mehr, nur lindern. Die Gemeinde nahm sie in ihre Obhut.
Wir erfuhren, daß viele Ostpreußen den Weg über die Ostsee gewagt hatten. Obwohl das Eis in diesem Winter sehr dick gewesen sein muß, brach es an manchen Stellen unter der Last der schweren Trecks. Die See schluckte die Wagen, die Pferde, die Menschen.
Im Januar wurden zunächst die Mütter und Kinder aufgefordert, die Heimat zu verlassen. Das betraf auch meine Schwester Luzia und ihre kleine Tochter Margrit, die gerade 6 Monate alt war: „Komm doch mit“, bat sie mich, „ich habe Angst allein“. Ich stand unter Arbeitsvertrag, durfte mich meiner Pflicht nicht entziehen. Wir grübelten, diskutierten. „Die lassen mich doch nicht aufs Schiff,“
argumentierte ich. „Wenn du aber ein fremdes Kind an die Hand nimmst, klappt das bestimmt. Bei dem Durcheinander“, bat sie zu überlegen. Ich dachte viel nach und kam zu dem Ergebnis, dass meine Schwester mir mehr wert war, als meine Dienststelle. Nachts sollte uns ein Sonderzug nach Danzig bringen. Wir hatten uns bis zur Unförmigkeit dick angezogen, den Einheitskinderwagen mit den nötigsten Dingen vollgepackt. Tränenreich verließen wir unser Zuhause.
Nach ungefähr 200 Metern brach ein Rad vom Kinderwagen ab. Wir kehrten zurück. Wäre das nicht passiert, würden wir heute vermutlich nicht mehr leben. Das Passagierschiff ’Wilhelm Gustloff’ , mit dem wir fliehen sollten, wurde von einem Unterseeboot torpediert. Von 6.000 Flüchtlingen versanken annähernd 5.000 in den kalten Fluten der Ostsee.
Die Flüchtlingstrecks in den Straßen nahmen kein Ende, Mitte Februar, ich wollte gerade zum Dienst gehen, wurde die Wagenkolonne von Tieffliegern beschossen. Es ging alles drunter und drüber. Über Mikrofon erhielten jetzt alle eindringlich die Aufforderung, ihre Wohnungen zu verlassen. Zu einer bestimmten Zeit würden Sonderzüge eingesetzt. Meistens waren diese Informationen falsch. Sollten beruhigend wirken. Die Bahnsteige waren so überfüllt, dass keine Lücke mehr sichtbar war. Toiletten fehlten. Zusammengekauert hockten die Menschenmassen auf ihren Koffern oder Bündeln, warteten stundenlang. Das ’Rote Kreuz’ war machtlos gegen den Ansturm Tausender Flüchtlinge.
- Was nützen ein paar Tropfen Regen einer verdorrten Erde. -
Praust als Umschlagsbahnhof war zum Sammelpunkt geworden. Lief ein Zug wirklich mal ein, drängten die Menschen in die kälte- und windgeschützten Waggons. So manch eine Familie wurde dabei getrennt. Es ist so schwer das Elend, was sich damals dort abspielte, zu beschreiben. Am schlimmsten trafen mich die Mütter- und Kinderschicksale. In Danzig sollten Mütter ihre Kleinen für eine kurze Zeit in die Obhut des DRK geben, damit diese wenigstens eine warme Mahlzeit erhielten. Die Mütter sollten schon mal nach Praust vorfahren, die Kinder würden nachgeschickt. Im Postamt bestürmten uns die Frauen, telefonisch nach dem Verbleib der Kinder zu forschen. Zwei Tage waren vergangen. Was war passiert?
Diese aus dem Gedächtnis hervorgerufenen und geschilderten Erlebnisse sind aus einer Vielzahl herausgegriffen. Es würde den Rahmen sprengen, sie niederzuschreiben. Hinter jedem versteinerten Gesicht, hinter jedem Auge verbarg sich ein trauriges Schicksal. Sie hatten alles hinter sich gelassen und ihr Lachen verloren.
Nach dem Krieg wurde der Suchdienst des DRK eingerichtet: Eltern suchen ihre Kinder, Kinder suchen ihre Eltern. 50 Jahre danach gab es noch Anfragen. Dabei muß erwähnt werden, dass viele Kleinstkinder ihren Namen nicht kannten. Auch waren Mütter sowie Kinder während der Flucht verstorben.
Einwohner von Praust, die wie wir noch ausgeharrt hatten, packten ihre Koffer. Viele Wertgegenstände wurden vergraben, denn fast alle glaubten fest daran, bald wieder nachhause zurückkehren zu können. Vom Hof aus hörte ich mal 5 Schüsse fallen. Ich schaute über den Zaun und sah einige Soldaten im Garten eines Hauses sehen. Ich erfuhr später, Plünderer wären dort standrechtlich erschossen worden. Sie sollten aus dem Keller Konservendosen und Marmelade gestohlen haben.
Auch wir räumten Geschirr in Kisten, Mutters tolle Handarbeiten in Säcke. Wir transportierten alles auf den Dachboden. Vater grub im Hühnerauslauf eine tiefe Grube, darin sollten Lebensmittel in Form von Einmachgläsern, Konservendosen usw. deponiert werden. Für Walter! Er sollte etwas zu essen vorfinden, falls er heimkäme. Vaters gute Gedanken. Vater wollte auch nicht mit uns kommen. Einmal sagte er zu mir: “Russen sind auch Menschen, die tun uns nichts“. Jetzt jedoch äußerte er sich anders: „Entweder kommen wir durch die Russen um oder auf der Flucht.“ Er resignierte, war mutlos geworden.
Am 28. Februar 1945 verließ ich auf Dienstbefehl mein Elternhaus. Mutter, meine drei Schwestern und die kleine Margrit folgten erst am 10. März. Mit der Familie meines ehemaligen Lehrers Sorau, sie wohnten uns gegenüber bei Klammer, waren sie bis nach Neufahrwasser gefahren. Es war purer Zufall, dass der Kapitän eines Flugsicherungsbootes sie aufforderte: „Kommen Sie hier rauf.“ Sie blieben die einzigen Passagiere, die Besatzung zählte neun Mann. Von Stralsund aus fuhren sie nach Hamburg und weiter nach Brande-Hörnerkirchen.
Magda Bils Trojahn wurde am 15. 09. 1922 in Danzig-Praust geboren
und verstarb am 07.07.2005 in Norderstedt.
Quelle:
Norbert Trojahn, Horst - ehemals Werderstr. 12a |