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erinnerungen:: Helmut Maaß

Dammdurchbruch
09. Juli 2001

Am 9. Juli war es soweit. Ich wollte mir den Radaunenkanal-Zufluß ansehen. Ausgerechnet an diesem Tag geschah etwas, was wahrscheinlich in den vergangenen hundert Jahren nicht passierte und wohl auch in den nächsten hundert Jahren hoffentlich nicht geschehen wird.

Zu zwit gingen wir am Morgen aus dem Haus. Wir beide, mein Freund und ich, schauten in den Himmel, der noch seine blaue Farbe hatte, aber am Horizont mit dicken, dunklen Wolken drohte. "Das verzieht sich!", sagte ich.
Von meinem Vater hatte ich diesen Ausspruch im Sinn. "Gewitter verziehen sich immer zur Ostsee hin!" - Wir fuhren mit der Straßenbahn und dann mit dem Bus nach Praust. Ich freute mich auf diesen Ort, den ich zu Fuß noch nie betreten hatte. Sehen wollte ich un Bilder machen, wo der Radaunekanal abgelassen wird, denn ein Jahr vorher war kein fließendes Wasser in der Danziger Radaune zu sehen! Nur Pfützen bedeckten den Kanalgrund.

In Praust angekommen, schien die Sonne nicht mehr. Auf dem Weg zur Prauster Kirche war es bereits zu dunkel um Aufnahmen zu machen. Doch ich sagte immer noch: "Das verzieht sich!" Der Kanal war an diesem Tag voll Wasser! Es müßte an der Schleuse hinter der Kirche wenig Wasser in den Radaunefluß fließen, dachte ich mir. Aber so weit kamen wir nicht, um das zu sehen. Einmal gimgen wir um die alte Prauster Kirche herum. Arbeiter waren dabei, die Fundamente zu verputzen, in ringsum metertiefen Gräben. Doch weiter zu gehen lohnte sich wegen des Wetters nicht. Wir dehten um und wollten schnellstens zur Bushaltestelle zurück. Aber es war bereits zu spät dazu. Die ersten Tropfen fielen schon und wir stellten uns unter! Und gleich prasselte der Regen auf die heraneilenden Menschen. Doch wir standen im Trocknen unter dem Vordach eines Geschäftes für Werkzeuge.

Beruhigt blickten wir auf die alte Straße vor uns, die Danzig über Ohra, St. Albrecht und Praust mit Dirschau verbindet. "Das verzieht sich!", meinte ich immer noch. Es goß in Strömen! Die hin und her fahrenden Autos spritzten nur so das Wasser auf die Bürgersteige. Immer mehr Wasser kam auch in unsere Richtung. Die Straße war innerhalb von nur 10 Minuten zu einem Fluß geworden. Bis zu den Achsen fuhren die Autos im reißenden Wasser. Und das Gewitter verzog sich nicht! Der mit Eimern gießende Regen hörte einfach nicht mehr auf! Vor uns bewegten sich Wassermengen an den Häusern vorbei und durch die Häuser hindurch den Hang hinunter zum Radaunefluß. Ängstlich schaute ich um die Ecke nach hinten. Nur einen Schritt neben dem schützenden Vorbau und ich wäre völlig durchnäßt gewesen. "Wird der Radaunekanal-Damm hinter uns auch halten?", waren meine Gedanken. Trocken waren wir immer noch unter dem Dachvorsprung des Hauses, aber unsere künstliche Insel schrumpfte bis auf zwei Quadratmeter zusammen. Einige Autos blieben stecken, der Motor war ersoffen. Die Insassen, naß bis auf die Haut, schoben mühselig ihre Fahrzeuge zur Seite.

Diese Situation änderte sich einfach nicht. Mindestens zwei Stunden standen wir bereits mit Kreuzschmerzen auf einer Stelle. So mußten wir uns zur Flucht vorbereiten.
Ich mit Regencap und in Sandalen barfuß und mein Kumpel nur mit einem Regenschirm wateten durchs Wasser in die Ortsmitte von Praust. Beide hatten wir unsere Hosenbeine hochgekrempelt. Wir hatten Glück, ein Bus hielt an der Haltestelle und nahm uns in Richtung Danzig mit. Aus dem Fenster heraus sahen wir nur Wasser! Die Keller der Häuser an der Straße in St. Albrecht und Ohra auf der rechten Seite liefen bereits über. Sie waren bis zum Rand voll und das Wasser quillte heraus.
Und in Ohra auf der linken Seite war der Damm des Kanals gebrochen! Seitlich aus dem Kanalbett strömte das Wasser unter useren fahrenden Bus hindurch über die Straße hinunter zur Niederung des Radauneflußes. Wir kamen gerade noch durch, denn danach wurde die Gegend für mehrere Tage gesperrt.

In der Stadt Danzig wollten wir mit der Straßenbahn weiter fahren. Die Fußgängerunterführung vor dem Hauptbahnhof in Danzig war merkwürdigerweise nicht vollgelaufen, aber der Regen hörte immer noch nicht auf. Irgend eine Bahn nahmen wir und kamen dadurch ein Stückchen weiter. Aber plötzlich fuhr keine Straßenbahn mehr und Busse und Züge standen still. Nach dem wir vergebens auf ein Taxi gewartet hatten, gingen wir durchs Wasser im immer noch sehr starken Regen mehrere Kilometer nach Hause. Erst an Nächsten Tag hatte sich das Wetter verzogen!


Raudaunekanal-Dammbruch am 09. Juli 2001 in Danzig-Ohra

Das Wasser strömte über die Straße, durch die Häuser und Gärten hinunter zur Niederung des Rdauneflußes. Die in den Damm verlegten Rohre für Gas und Strom wurden zum Glück nur unterspült. Ein Bersten der unter Hochdruck stehenden Gasleitung hätte in Ohra eine katastrophale Explosion ausgelöst. An diesem Tag war der Radaunekanal bei Praust nicht abgesperrt. Viel Sand spühlte das Wasser mit und so waren dann auch die Keller der Häuser voll Sand, der nach dem Abpumpen mühselig ausgeschaufelt werden mußte.





Das war unsere Blick auf die Durchfahtsstraße in Praust

Das Unwetter wollte nicht aufhören. Deutlich sieht man hier, wie sich die Autos durch die "Wasserstraße" quälen. Zwischen der Verkaufsbude und dem Haus fließt das Wasser ab und der Keller des Hauses mit den Wohn- und Geschäftsräumen war wohl schon unter Wasser.

In der Stadt Danzig waren alle Rinnsale von der Höhe abwärts zu reißenden Strömen geworden, die, wie in alten Zeiten, herunter in den ehemaligen Festungsgraben floßen. Die Natur wußte nicht, daß heute dort die Gleise des Danziger Hauptbahnhofs sind, denn Sand und Schlamm bedeckte alles!



Radaunestausee bei Praust (2001)

Einen Monat später nach dem Unwetter sind die nachfolgenden Bilder in Praust entstanden. Nicht weit entfernt von der alten Kirche wird der von Westen kommende Radaunefluß gestaut. Läßt man am Stauwehr viel Wasser in das untere Radaunenflußbett, fließt am Überlauf zum Radaunekanal wenig oder auch kein Wasser in den Kanal.



Überlauf vom Radaune-Stausee zum Kanalbett


Stauwehr bei Praust - Wasserstandregulierung des Radaunekanals

Wenn so viel Wasser wie auf diesem Bild abgelassen wird, bleibt natürlich für den Kanal kein Tropfen mehr übrig. Das Radaunewasser fließt von hier aus weiter in den Radaunefluß. Hätte man an dieser Stelle am 09. Juli 2001 auch große Wassermengen abgelassen, wäre wohl der Damm in Ohra nicht gebrochen! Aber wer konnte das Unwetter schon vorausanhnen?



Verkrauteter Radaunekanal bei Praust ohne Wasser






Quelle: Krantor Juni 2002, Helmut Maaß
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  www.katins.com/Praust    —   Erinnerung an Praust bei Danzig;   —  ©  by axel katins
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